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Ankunft & Gepäck

Gepäck verspätet oder verloren: PIR, Fristen und was die Airline wirklich zahlt

Am Band fehlt ein Koffer, und ab diesem Moment läuft eine Uhr. Die Regeln dafür stehen nicht in den Beförderungsbedingungen deiner Airline, sondern im Montrealer Übereinkommen — vier Zahlen daraus reichen, um den Fall richtig zu führen.

Sophie Bauer
Sophie Bauer
17. September 2026
Fast leere, sehr helle Gepäckhalle: ein einzelner Mann mit Mundschutz steht an einem leeren Gepäckband, neben ihm zwei Taschen auf dem Boden
Foto: Asad Photo Maldives / Pexels

Das Band läuft leer, die letzten Koffer sind weg, und deiner ist nicht dabei. Was du in den nächsten zwanzig Minuten tust, entscheidet über den ganzen Fall — mehr als alles, was du später schreibst. Die Rechtslage ist hier ungewöhnlich klar und ungewöhnlich unversöhnlich: Es gilt das Montrealer Übereinkommen vom 28. Mai 1999, in der EU umgesetzt durch die Verordnung (EG) Nr. 2027/97 in der Fassung der Verordnung (EG) Nr. 889/2002. Dieses Regelwerk kennt zwei kurze Anzeigefristen, eine Höchstsumme und eine Ausschlussfrist. Wer eine davon reißt, verliert den Anspruch — vollständig, nicht anteilig.

Vorweg eine Abgrenzung, die viel Ärger spart: Mit der Fluggastrechteverordnung 261/2004, aus der die bekannten 250, 400 oder 600 Euro kommen, hat dein Koffer nichts zu tun. Die Pauschale gilt dem verspäteten Flug, nicht dem verspäteten Gepäck. Beides kann nebeneinander bestehen, beides wird getrennt geltend gemacht. Was dir bei Verspätung und Annullierung des Fluges zusteht, steht unter Streik, Verspätung, Annullierung.

Koffer nicht angekommen: die ersten zwanzig Minuten in der Gepäckhalle

Melde den Fehlbestand, bevor du die Gepäckhalle verlässt. Der Schalter der Gepäckermittlung liegt an jedem deutschen Flughafen im Ankunftsbereich, meist unmittelbar neben den Bändern, betrieben von der Airline oder ihrem Bodendienstleister; in München etwa findest du ihn direkt an der Gepäckausgabe, wie unter Ankunft Flughafen München beschrieben.

Der Grund für die Eile steht in Artikel 31 Absatz 1: Nimmt der Empfänger aufgegebenes Reisegepäck vorbehaltlos an, begründet das die widerlegbare Vermutung, dass es unbeschädigt und vertragsgemäß abgeliefert wurde. Vorbehaltlos annehmen heißt: rausgehen, ohne etwas zu sagen. Ab da musst du beweisen, dass der Schaden im Flug entstanden ist, und nicht mehr die Airline das Gegenteil.

Nimm zum Schalter mit: Bordkarte, Buchungsnummer und vor allem den Gepäckabschnitt, den Aufkleber vom Check-in. Er ist der einzige Beleg, welches Stück zu welchem Flug gehörte. Und gib eine Adresse an, unter der du in den nächsten Tagen wirklich erreichbar bist — nicht die Heimatadresse, wenn du drei Nächte im Hotel bist.

PIR-Formular fürs Gepäck: was es leistet und was nicht

Am Schalter wird ein Property Irregularity Report aufgenommen, kurz PIR. Du bekommst eine Referenz aus zehn Zeichen: drei für den Flughafen, zwei für die Airline, dann fünf Ziffern. Unter dieser Nummer läuft dein Fall im Branchensystem WorldTracer von SITA, das nach Angaben des Betreibers von über 500 Airlines und rund 2800 Flughäfen genutzt wird.

Der PIR ist eine Suchanzeige, kein Antrag auf Geld. Er eröffnet die Recherche und sichert deinen Beweis — die Geltendmachung von Schadenersatz ist ein zweiter, eigener Schritt: schriftlich, bei der Fluggesellschaft, mit Belegen und Beträgen. Genau hier schlafen die meisten Fälle ein. Der Koffer ist gemeldet, die Sache fühlt sich erledigt an, und niemand hat je eine Forderung gestellt. Verbraucherschützer weisen ausdrücklich darauf hin, dass das PIR-Formular die Meldung bei der Airline — und bei einer Pauschalreise zusätzlich beim Veranstalter — nicht ersetzt.

Was Tracing wirklich macht, und wann ein Koffer als verloren gilt

Tracing ist kein Suchtrupp, sondern ein Abgleich. Jedes herrenlose Gepäckstück wird irgendwo auf der Welt als Fundstück erfasst, mit Tag-Nummer, Routing, Nachname, Kofferart und Inhaltsmerkmalen; das System vergleicht diese Datensätze laufend mit den offenen Verlustmeldungen und schlägt Treffer vor. Deshalb lohnt jede Minute, die du am Schalter in die Beschreibung steckst — Marke, Farbe, Schalenmaterial, ein auffälliger Gurt, der Inhalt der Vordertasche. Ein Koffer, der nur als „schwarz, mittelgroß“ erfasst ist, konkurriert mit Zehntausenden anderen.

Die Größenordnung liefert der SITA Baggage IT Insights Report vom Juni 2025: 2024 lag die Quote bei 6,3 fehlgeleiteten Gepäckstücken je 1000 Passagiere, insgesamt 33,4 Millionen Stück. Davon waren 74 Prozent verspätet, 18 Prozent beschädigt oder bestohlen, 8 Prozent verloren oder gestohlen; über 66 Prozent der Fälle wurden binnen 48 Stunden geschlossen. Die Wahrscheinlichkeit steht also klar auf deiner Seite — dein Koffer ist meist nicht weg, sondern nur eine Maschine hinterher.

Wann aus verspätet verloren wird, regelt Artikel 17 Absatz 3 präzise: Hat der Luftfrachtführer den Verlust anerkannt oder ist das Gepäck nach Ablauf von einundzwanzig Tagen seit dem Tag, an dem es hätte eintreffen sollen, nicht eingetroffen, kann der Reisende die Rechte aus dem Beförderungsvertrag geltend machen. Das ist ein Schalter, kein Abbruch der Suche: Viele Airlines recherchieren intern weiter, und Koffer tauchen auch nach Wochen noch auf. Rechtlich aber darfst du ab Tag 22 den vollen Verlust abrechnen, statt weiter zu warten.

Sieben Tage, einundzwanzig Tage, zwei Jahre

Artikel 31 Absatz 2 nennt zwei Anzeigefristen, und sie zählen ab unterschiedlichen Tagen:

  • Beschädigung: unverzüglich nach Entdeckung, bei aufgegebenem Reisegepäck jedenfalls binnen sieben Tagen nach der Annahme — also ab dem Tag, an dem du den Koffer bekommen hast.
  • Verspätung: binnen einundzwanzig Tagen, nachdem das Reisegepäck dir zur Verfügung gestellt worden ist — die Frist beginnt erst, wenn der Koffer wieder da ist, nicht am Landetag.

Absatz 3 verlangt Schriftform, Absatz 4 ist die Sanktion: Wird die Anzeigefrist versäumt, ist jede Klage gegen den Luftfrachtführer ausgeschlossen, es sei denn, dieser hat arglistig gehandelt. Für den vollständigen Verlust nennt Artikel 31 keine eigene Frist — die Anzeigepflicht gilt dem beschädigten und dem verspäteten Gepäck. Verlass dich darauf trotzdem nicht und melde auch den Verlust in derselben Woche schriftlich.

Darüber liegt Artikel 35: Die Klage kann nur binnen einer Ausschlussfrist von zwei Jahren erhoben werden, gerechnet ab Ankunft oder geplanter Ankunft. Das ist keine Verjährung, die sich hemmen oder neu beginnen lässt wie die dreijährige Frist bei Ansprüchen aus der Fluggastrechteverordnung — nach zwei Jahren ist der Anspruch erloschen.

1519 Sonderziehungsrechte: die Obergrenze, die keine Pauschale ist

Artikel 22 Absatz 2 begrenzt die Haftung für Zerstörung, Verlust, Beschädigung oder Verspätung von Reisegepäck auf einen Betrag je Reisenden — im Originaltext 1000 Sonderziehungsrechte. Diese Zahl wird nach Artikel 24 alle fünf Jahre an die Inflation angepasst. Nach der Überprüfung durch die ICAO gilt seit dem 28. Dezember 2024 ein Höchstbetrag von 1519 Sonderziehungsrechten; davor, ab dem 28. Dezember 2019, waren es 1288.

Sonderziehungsrechte sind keine Währung, sondern die Rechnungseinheit des Internationalen Währungsfonds, und ihr Wert schwankt täglich. Nach der IWF-Bewertung vom 17. September 2026 entsprach ein SZR rund 1,19 Euro — die Obergrenze lag damit bei etwa 1810 Euro; die deutsche Schlichtungsstelle Reise und Verkehr nennt für die neue Grenze ebenfalls „etwa 1.800,00 EUR“. Kurios: Der Informationstext im Anhang der Verordnung 889/2002 nennt bis heute unverändert 1000 SZR. Maßgeblich ist er nicht — Artikel 3 Absatz 1 der Verordnung verweist für die Haftung von EU-Airlines auf alle einschlägigen Bestimmungen des Übereinkommens, also auf den jeweils angepassten Betrag.

Der wichtigste Satz zu dieser Zahl: Sie ist eine Decke, keine Auszahlung. Die Schlichtungsstelle stellt klar, dass „eine pauschale Entschädigung in dieser Höhe nicht vorgesehen“ war und ist. Ersetzt wird der belegte Schaden bis zu dieser Grenze — über den Betrag entscheidet also deine Inventarliste, nicht die Höhe des Limits. Wer regelmäßig Wertvolles aufgibt, kann die Grenze nach Artikel 22 Absatz 2 anheben: das Interesse an der Ablieferung bei der Übergabe betragsmäßig angeben und den Zuschlag zahlen; der Tarif dafür ist auf Anfrage vorzulegen. Was das Aufgeben zusätzlicher Stücke sonst kostet, steht unter Übergepäck. Und die Grenze fällt ganz, wenn der Schaden nach Artikel 22 Absatz 5 vorsätzlich oder leichtfertig verursacht wurde — praktisch selten, aber sie steht im Text.

Ersatzkäufe: was du in der Zwischenzeit kaufen darfst

Ersatz gibt es für das, was notwendig war. Das ist kein Blankoscheck und auch kein Nullbetrag, sondern eine Frage der Lage: Wer für eine Woche Wandern ankommt, braucht mehr als Unterwäsche und Zahnbürste; wer abends nach Hause fliegt und dort einen vollen Schrank hat, braucht praktisch nichts. Genau daraus stricken Airlines gern die Auskunft, auf dem Rückflug gebe es grundsätzlich nichts — im Übereinkommen steht das nicht, Artikel 19 unterscheidet Hin- und Rückweg nicht. Es bleibt bei der Notwendigkeit im Einzelfall.

Wie abgerechnet wird, ist dagegen tatsächlich uneinheitlich: Manche Gesellschaften erstatten belegte Käufe voll, manche ziehen einen Anteil ab, weil du die Sachen behältst, manche zahlen einen Tagessatz. Sammle Kassenbons, kauf in der Preisklasse, die du auch sonst kaufst, und fotografiere die Etiketten. Wenn du in Frankfurt festsitzt und schnell etwas zum Anziehen brauchst: Zeil, MyZeil und Skyline Plaza liegen dicht beieinander und sind vom Hauptbahnhof in wenigen Minuten erreicht.

Taucht der Koffer wieder auf, liefern ihn die meisten Airlines kostenfrei an deine Adresse — aber nur innerhalb eines Umkreises, den jede Gesellschaft selbst festlegt. Liegst du außerhalb, wirst du gefragt, ob du selbst kommst. Bevor du zusagst, rechne die Strecke nach: Entfernung, Fahrzeit und Taxi-Richtwerte ab den deutschen Flughäfen zeigen schnell, ob sich die Fahrt gegenüber einem Kurierdienst überhaupt lohnt — und was eine Taxifahrt vom Flughafen München in die Stadt tatsächlich kostet, ist die ehrlichere Vergleichsgröße als das Gefühl, es sei ja nicht weit.

Gepäck beschädigt: die Entschädigung rechnet anders

Beim beschädigten Koffer läuft die kurze Frist von sieben Tagen ab Annahme, und der Streitgegenstand ist ein anderer: nicht, ob etwas fehlt, sondern ob der Schaden erstattungsfähig ist. Artikel 17 Absatz 2 nimmt die Airline ausdrücklich aus der Haftung, soweit der Schaden auf die Eigenart des Reisegepäcks oder einen ihm innewohnenden Mangel zurückzuführen ist. In der Praxis der Gesellschaften heißt das: Kratzer, Schrammen und Abrieb gelten als normale Gebrauchsspuren, während gebrochene Rollen, abgerissene Griffe und Risse in der Schale den Koffer in seiner Funktion beeinträchtigen und ersetzt werden. Ob repariert oder ausgezahlt wird und ob dabei der Zeitwert statt des Neupreises angesetzt wird, handhaben Airlines unterschiedlich — frag am Schalter konkret nach dem Verfahren, statt es zu vermuten.

Der häufigste Fehler dabei: Der Riss fällt erst im Parkhaus beim Einladen auf. Dann heißt es zurück in die Ankunftshalle, und die Viertelstunde Kurzzeitparken kostet direkt am Terminal spürbar mehr als weiter draußen. Wer abgeholt wird, sollte den Koffer deshalb noch in der Halle einmal umrunden — es ist die billigste Minute der ganzen Reise.

Lost and Found am Flughafen ist ein anderer Schalter

Das Fundbüro des Flughafens und die Gepäckermittlung der Airline werden ständig verwechselt, und die Verwechslung kostet Tage. Der Flughafen Frankfurt formuliert es auf seiner eigenen Seite unmissverständlich: Das Fundbüro ist nicht für verlorengegangenes aufgegebenes Reisegepäck zuständig, dafür ist die Gepäckermittlung der Fluggesellschaft da. Zuständig ist es für das, was du im Terminal oder an Bord liegen lässt — Jacke, Laptop, Kinderwagen. In Frankfurt sitzt es in Terminal 1, Bereich A, Ebene U1, täglich von 07:00 bis 18:00 Uhr; Fundsachen werden drei Monate aufbewahrt und danach versteigert. Die Verlustanzeige gibst du kostenfrei online auf, und je genauer die Beschreibung, desto realistischer der Treffer.

Gegen wen der Anspruch läuft

Dein Vertragspartner ist die Fluggesellschaft, nicht der Flughafen — auch dann, wenn ein Bodendienstleister den Koffer tatsächlich verladen hat. Artikel 30 stellt Leute und Beauftragte des Luftfrachtführers unter dieselben Haftungsgrenzen, und alle Beträge zusammen dürfen diese Grenze nicht überschreiten. Der Flughafenbetreiber ist an dieser Stelle nur der Ort, an dem es passiert ist.

Bei Codeshare und durchgebuchten Verbindungen gilt nach dem Informationstext der Verordnung 889/2002: Ist die ausführende nicht die vertragliche Fluggesellschaft, kannst du dich an jede von beiden wenden. Artikel 36 ergänzt für aufeinanderfolgende Beförderungen, dass der erste und der letzte Luftfrachtführer gesamtschuldnerisch haften — bei einer Kette aus drei Airlines musst du also nicht erst ermitteln, auf welchem Vorfeld der Koffer stehen geblieben ist. Klagen kannst du nach Artikel 33 unter anderem am Bestimmungsort, für die meisten Rückflüge also in Deutschland. Und weil die Verordnung 2027/97 die Regeln des Übereinkommens ausdrücklich auf Flüge innerhalb eines einzelnen Mitgliedstaats erstreckt, gilt derselbe Rahmen auf der Inlandsstrecke München–Hamburg, obwohl das Übereinkommen selbst nur internationale Beförderung erfasst. Wie der Weg vom Band durch den Zoll an einem der großen deutschen Ankunftsflughäfen aussieht, steht unter Ankunft am Flughafen BER.

Wenn du es auf einen Zettel schreiben willst, passt der ganze Fall in vier Zeilen: am Band melden, PIR-Nummer sichern, innerhalb von sieben beziehungsweise einundzwanzig Tagen schriftlich beziffern, Belege sammeln. Der Rest ist Geduld — und das Wissen, dass die Airline sich zwei Jahre Zeit lassen kann, dich hinzuhalten, du aber genau dieselben zwei Jahre hast, sie zu verklagen.

#gepäck verloren#verspätetes gepäck#pir#montrealer übereinkommen#entschädigung#gepäckausgabe

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